Starkes Plädoyer fürs ganz normale Leben: Hildenerin spricht im Europaparlament

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Nach„It’s normal to be different“ - Antje Reiferscheid (3.v.l.) mit Tochter Emma, Fotografin Monika Plump-Bleck (links), Europaabgeordneten Arne Gericke (rechts) und Besuchern der Ausstellung im Europaparlament.Ein starkes Statement, eine bewegende Rede: Im Europäischen Parlament hat die Hildenerin Antje Reiferscheid ihre Stimme erhoben für Kinder mit Downsyndrom. bewegendem facebook-post: Europaabgeordneter lädt Antje Reiferscheid mit Tochter Emma nach Straßburg ein / „It’s perfect to be different“: Fotoausstellung rückt Kinder mit einem Downsyndrom ins Rampenlicht

HILDEN/STRASSBURG. „Ich wünsche mir, dass Menschen mit Downsyndrom nicht systematisch gesucht und selektiert werden. Ich wünsche mir, dass es verboten wird, ein Baby nur aufgrund des Downsyndroms abtreiben zu dürfen…“ – es sind starke, bewegende Worte, die Antje Reiferscheid am Abend des 15. März bei facebook postet. Und sie werden gelesen: Hunderte likes, tausende klicks – einer darunter von Arne Gericke, Europaabgeordneter der FREIEN WÄHLER und Vizepräsident der Arbeitsgruppe Bioethik im Europaparlament: „Ich bin zufällig auf das Statement gestoßen, war sehr berührt“, erzählt der Politiker aus Mecklenburg – und handelt: „Ich war gerade dabei, eine Fotoausstellung mit Portraits von Kindern mit einem Downsyndrom zu planen – und habe Frau Reiferscheid eingeladen, ihre starken Worte als politisches Plädoyer im Parlament vorzutragen.“ Wenige Wochen später ist es so weit: Antje Reiferscheid hat zugesagt, steht im Straßburger Parlament am Mikrofon, ihre fröhlich lachende Tochter neben ihr – und hält eine starke Rede.

Dabei, so erzählt die junge, dreifache Mutter von Emil, Emma und Mila, „war das alles eine sehr spontane Idee: Eine Schwangere hatte mir in der Krabbelgruppe von ihrer Angst erzählt, ihr ungeborenes Kind könne Downsyndrom haben – und davon, dass sie es abtreiben lassen würde.“ Reiferscheid ist sprachlos in dem Moment, hat sie doch selbst eine Tochter mit Downsyndrom: Emma, 4 Jahre. „Warum erzählte sie mir diese Geschichte, obwohl sie doch meine Geschichte kennt. Naja, sie kennt meine Geschichte – aber sie kennt Emma nicht. Und sie hat keine Sekunde darüber nachgedacht, wie es für eine Mutter mit Kind mit Downsyndrom ist, wenn sie diese Geschichte so erzählt.“

Ein Ansatz, den Gericke als Ethik-Experte vollkommen teilt: „Ich bin immer wieder erschrocken und traurig, wenn ich sehe, wie viel Forschungsgelder wir investieren, um Phänomene wie das Downsyndrom auszumärzen – und wie wenig, um echte Inklusion möglich zu machen“. Für ihn „haben Menschen wie Emma ihren Platz im Mittelpunkt – und nicht irgendwo am Rand der Gesellschaft: Sie ist haben ein klitzekleines, lächerliches Chromosom zu viel – das ist vollkommen in Ordnung, das ist normal“, so das Plädoyer des Politikers.

Ähnlich auch Reiferscheids Appell – sichtlich bewegt vorgetragen vor rund 80 Gästen der Ausstellungseröffnung: „Ich weiß, dass das Thema Abtreibung, Spätabtreibung behinderter Kinder, Pränataldiagnostik und so weiter, heiß diskutiert wird und ich weiß, dass sich viele Menschen für eine Abtreibung entscheiden. Es sind sogar 95 Prozent. Wenn der Arzt bei einem ungeborenen Baby Downsyndrom diagnostiziert, bedeutet es für diese Babys in 95% der Fälle das Todesurteil“, sagt die dreifache Mutter. Beeindruckende Stille im Saal – man merkt: Die anwesenden Politiker sehen Emma und ihre Freunde, sie hören Reiferscheids Botschaft und sie verstehen. „Im Grunde sagte mir diese Mutter damals, dass sie mein Kind – das ich über alles liebe – nicht haben möchte. Dass sie so ein Kind getötet hätte. Dass sie so ein Kind nicht lieben kann und dass sie sich offenbar nicht vorstellen kann, dass das Leben für dieses Kind und für uns als Eltern lebenswert sein kann.“ Starke Worte.

Es tut gut, sagt Gericke danach, Eltern und ihrer Botschaft Raum zu geben in der politischen Debatte: „Wer verstehen will, muss zuhören. Sie erzählen lassen von Liebe, Freude – und Normalität.“

Entsprechend auch der Titel der Fotoausstellung, die Gericke finanziert und mit der Mönchengladbacher Fotografin Monika Plumb-Bleck in die Realität umgesetzt hat. Sie portraitiert Kinder und Jugendliche mit einem Downsyndrom, setzt sie in Szene, rückt sie ins Rampenlicht: „Es sind wunderbare Fotos, die die Lebensfreude dieser Menschen zeigen“, sagt der Europaabgeordnete.

Und zur Ausstellungseröffnung im Straßburger Europaparlament kann man sie nicht nur sehen – sondern auch hören: Neben Emma und ihrer Familie sind mehr als ein Dutzend der portraitierten Kinder samt Eltern nach Straßburg gekommen – und bringen Leben in den parlamentarischen Alltag: Sie lachen, schäkern, tollen über die Gänge. „Eine wunderbare Lebensfreude“, sagt ein vorbeieilender Abgeordneter: „Davon sollten wir uns eigentlich eine Scheibe abschneiden!“

Am Ende eines langen Tages verlässt die Familie – Antje, Guido, Emil, Emma und die kleine Mila – das Parlament. Es ist spät, die Sterne leuchten –  Emma ist aufgedreht, hüpft über den Hof des Parlaments und will noch nicht ins Bett. Normal halt: Ein ganz normales Kind. Und das ist gut so.