SCHWEINEPEST MUSS VIEL STÄRKER INS POLITISCHE VISIER

Kritik an Bund und Land: Aktionsagenda vor Notfallplan / Entbürokratisierung und Runder Tisch gefordert / Trucker-Kampagnen; Nachtzielgeräte und Schneisen im Maisfeld

SCHWERIN. Vom Brüsseler Europaparlament aus betrachtet, ist die Afrikanische Schweinepest in Osteuropa noch weit entfernt – und doch so nah, wie an kaum einem anderen Ort. Auch Arne Gericke, als Rostocker Europaabgeordneter Mitglied des Umweltausschusses – merkt das: „Die Nervosität steigt – die Gefahr ist groß und keinesfalls vorüber.“ Entsprechend „trügerisch“ bezeichnete er heute am Rande der Umweltausschusssitzung in Brüssel er „das Schweigen in der deutschen Politik: Bund und Land handeln unzureichend“. Die Liste der „to dos“ sei lang. Gericke nennt beispielhaft Änderungen im Bundesjagdgesetz, um das nachtaktive, mobile Schwarzwild mit Nachtzielgeräten orten zu können sowie gezielte Informationskampagnen bei internationalen Speditionen: „Jeder Lastwagen, jede Schuhsohle ist ein potentieller Gefahrenträger.“

 Dabei es gehe es nicht darum „Panik zu schüren: Allerdings ist Lethargie auch keine Lösung“, so Gericke, der als zuständiger Umweltpolitiker „in engem Kontakt mit Fachleuten und Jagdverbänden steht“. Die Lösungen seien teils einfach: „Deutschlands Jäger kommen der politischen Aufforderung nach Reduzierung des Schwarzwildbestandes nach“ – und stoßen doch an technische Grenzen: „Wildschweine sind nachtaktiv, schnell und klug“ – entsprechend müsse man reagieren. Er selbst habe bereits vor knapp einem Jahr „Änderungen im Bundesjagdgesetz gefordert: Wir müssen Nachtzielgeräte erlauben.“ So habe er es auch dem zuständigen Bundesinnenminister Horst Seehofer geschrieben: „Antwort? Keine.“ In der Landesregierung sehe er „da ebenfalls kaum Aktivität oder Bewegung.“

 Auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner und EU-Agrarkommissar Phil Hogan fordert Gericke zu „gezielten Maßnahmen“ auf: So seien die Landwirte „natürliche Partner der Jäger“, wenn es um eine gezielte Dezimierung des Schwarzwildbestandes – etwa im Grenzbereich zu Polen und Tschechien – gehe. Bejagungsschneisen in den Maisfeldern etwa könnten die Schussquote deutlich erhöhen: „Die aber werden den Landwirten aktuell durch unnötige, bürokratische Bürden verhagelt: Sie können nicht die Zeche zahlen.“ Europa müsse da „angesichts der drohenden Gefahr“ mehr Flexibilität beweisen und Unterstützung geben. Ein „Runder Tisch“ mit Experten, Landwirten, Jägern und den benachbarten Regierungen“ sei dringend angeraten.

 Vollkommen neu ins Visier nehmen müsse die Politik den Transportsektor: „Die Ausbreitung der Seuche im rumänischen Donau-Delta ist doch kein Zufall: Fragen Sie einen Experten – und er wird ihnen bestätigen: Der Turnschuh des Truckers, der Dreck im Profil, das Wurstbrot aufm Rastplatz ist mindestens so gefährlich wie die wilde Sau im Wald.“ Entsprechend müsse man die Beschäftigten im Transportsektor sensibilisieren: „Jeder von ihnen kann ein regionales Desaster auslösen“.

 Überhaupt brauche es politisch „Aktionsagenda vor Notfallplan: Wenn die Pest an der Stalltür steht, ist die Keulung nicht mehr zu vermeiden. Der wirtschaftliche Schaden für den Landwirt auch nicht. Ich will, dass wir sie vorher stoppen.“ Von der dänischen Grenzzaunlösung dagegen hält Gericke „denkbar wenig: Das können Sie vielleicht noch auf 50 Kilometern machen – und auch da nicht wirklich dicht. Hunderte Kilometer zu Polen und Tschechien sind und bleiben eine grüne Grenze fürs Schwarzwild“. Und den Lastwagenfahrer, so der Europaabgeordnete, „halten Sie mit dem Grenzzaun ohnehin nicht auf“.

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