Politiker geht auf die Weide: “Angst vorm Wolf ist greifbar nah”

Europaabgeordneter Arne Gericke (FW) zu Tagespraktikum bei Schäfer: „Schutz der Weidetiere hat Vorrang“ / Eindringlicher Appell: Bedenken der Schäfer ernst nehmen / Einsatz in Brüssel für „letale Entnahme“ – 600 Wölfe als Obergrenze

BRÜSSEL/TRIBSEE. Es ist früh am Morgen – der Tau glänzt noch auf der saftigen Wiese -, als Schäfer Ingo Stoll den Europaabgeordneten Arne Gericke (FREIE WÄHLER) mit einem festen Handschlag begrüßt. Der hatte sich vor kurzem per Brief gemeldet, wollte „im Rahmen eines Tagespraktikums mehr über die konkrete Arbeit der Schäfer, ihre Probleme mit EU-Gesetzgebung und die große Herausforderung im Umgang mit dem Wolf“ erfahren. Gesagt, getan: Gemeinsam mit Stoll und Jürgen Lückhoff, Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände (VDL), absolvierte Gericke das gesamte Tagesprogramm eines Schäfers – inklusive viel Zeit für den direkten Austausch mit den Schafhaltern. Sein Fazit: „Der Wolf ist kein Lamm – er bringt Probleme in besiedelte Regionen, die die Schäfer zu allererst zu spüren und in garstig blutigem Ausmaß vor Augen bekommen. Wir dürfen unsere Schäfer und Züchter nicht alleine lassen. Der Schutz der Weidetiere hat höchste Priorität – man muss den Wolf auch wieder jagen dürfen. Wir brauchen ein echtes Wolfsmanagement!“ Die Schäfer selbst sehen die bundesweite Obergrenze bei 600 Tieren – und die sei in Deutschland „längst erreicht“.

Auch Gericke selbst ist mit dem Thema schon länger befasst: Als Vollmitglied im Umweltausschuss des Europaparlaments hat er das Thema Wolf mehrfach auf die Agenda des Straßburger Plenums gebracht: „Die Betroffenheit in meiner Heimatregion Mecklenburg-Vorpommern ist groß – da gilt es die Kollegen anderer Regionen und Länder zu sensibilisieren: Der Wolf ist für uns eine Realität, mit der wir umgehen müssen. Dafür braucht es klare Regeln – und keine rosarote Öko-Brille.“ Zuletzt hatte der Abgeordnete sich in einem Brandbrief an den zuständigen EU-Umweltkommissar Karmenu Vella gewandt: „Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie in den Fluren der Brüsseler EU-Kommission oder auf ihrer Heimatinsel Malta einem Wolf begegnen, ist ziemlich gering – nicht aber für die Menschen in meiner Heimatregion. Gerade die Schäfer in Mecklenburg-Vorpommern leiden schwer unter der inzwischen starken Präsenz des Wolfes – und der von ihm verursachten, stets blutigen und tödlichen Schäden am Tier“, so Gerickes Wortlaut: „Wir müssen den europäischen Schutzstatus des Wolfes überprüfen – schnell!“

Der Abgeordnete bezieht sich damit auf die Regelungen der sogenannten „FFH-Richtlinie“ von 1992, die den Wolf in Anhang IV als „streng geschützte Art“ aufführt und einen Abschuss untersagt. „Seitdem hat sich viel verändert“, betont Gericke – und diskutiert bei einer kurzen Brotzeit mit den Schäfern Möglichkeiten eines weiteren Vorgehens auf europäischer Ebene: „Wir müssen den politischen Druck erhöhen, die Verantwortlichen sensibilisieren“, sagt Lückhoff. Die VDL sei bereit, da eine führende Rolle zu übernehmen, aus Sicht der betroffenen Züchter zu berichten. „Die letale Entnahme des Wolfes muss wieder möglich sein“, so der Vorsitzende in der juristischen Fachsprache. Gericke nickt, beißt nachdenklich in sein Brot, belegt mit frischem Schafskäse. Und Schäfer Stoll ergänzt: „Vielleicht muss man die politisch Verantwortlichen einfach mehr mit den unschönen, harten Bildern der Realität konfrontieren: Wer als Schäfer einmal morgens auf seine Weide kam und einen Teil der Herde tot, zerfetzt, teils noch zuckend vorgefunden hat, wird diese Bilder niemals vergessen. Und er wird nicht aufhören, einzutreten für ein besseres Populationsmanagement der Wölfe.“

Einig sind sich die Schäfer und der Abgeordnete auch darin, dass die Entschädigungen und finanziellen Hilfen für Schäfer längst nicht reichen: „Es scheitern schon bei der Vorbeugung“, sagt Lückhoff. „Schützende Wolfszäune sind Investitionen, die für unsere Schäfer zum Teil einfach nicht zu finanzieren sind – erst dann zahlt das Land Erstattung für jedes gerissene Schaf.“ Investitionen, die sich ein Schäfer bei umgerechnet 5,30 Euro Stundenlohn kaum leisten könne. „Der Wolf wird für viele von uns zur Existenzgefährdung“, sagt Stoll. Und Gericke ergänzt: „Hier auf der Weide ist die Angst vorm Wolf greifbar nah.“

Den ganzen Tag über packt der Europaabgeordnete mit an: Zäune ziehen, die Schafe treiben, das Trinkwasser nachfüllen und Bordercollie Nero anerkennend streicheln. Dabei gehen die Gesprächsthemen nicht aus: Überbordende EU-Bürokratie etwa, Berichtspflichten und Probleme mit den umfangreichen Anträgen – Lückhoff und Stoll erzählen dem Abgeordneten „frei und von der Leber weg“. Gericke selbst ist am Abend „müde und zufrieden: Das Tagespraktikum war ein voller Erfolg. Mein Ziel ist es, Politik und Gesetzgebung mit denen zu besprechen und zu machen, die es wirklich betrifft – und nicht mit irgendwelchen Brüsseler Beamten oder Lobbyisten. Ich habe erfahren, was ein Schäfer heute leistet – und nehme ein ganzes Bündel mit nach Brüssel, für das ich als Abgeordneter kämpfen werde. Im Namen der Schäfer – und ihrer Schafe.“

Menü