GERICKE: „ENDZEIT FÜR UHRENDREH IST UNSER ERFOLG“

Klares Votum nach Zeitumstellungs-Umfrage: Über drei Millionen sagen Nein / „Stetes Mühen belohnt“ / Baldige Änderung greifbar – Warnung vor „seichter Debatte“

 BRÜSSEL/SCHWERIN. Mehr als 80 Prozent gegen die alljährliche Zeitumstellung – das ist laut Presseberichten das Ergebnis der großen Bürgerumfrage der Europäischen Kommission, mit knapp 5 Millionen Beteiligten die erfolgreichste online-Konsultation aller Zeiten. „Eine reife Frucht unserer parlamentarischen Mühen“, sagt der Europaabgeordnete Arne Gericke – einer der glühendsten Uhrendreh-Gegner im Straßburger Parlament: „Anfangs waren wir wenige, wurden für unsere Forderungen belächelt“ – erinnert er sich. Heute dagegen lacht er: „Das Ergebnis ist ein Durchbruch – mit dieser Rückendeckung kann es sehr schnell gehen. Ich erwarte eine Gesetzesinitiative zur Abschaffung der Sommerzeit noch vor der Europawahl.“

 Dass mehr als zwei Drittel der Stimmen aus Deutschland kommen, wundert Zeit-Experte Gericke indes nicht: „Wir sind seit Jahren Hochburg der Forschung und der Proteste – das spiegelt sich auch in den Umfragen der Kommission wieder.“ Nicht überrascht hat ihn die Klarheit des Ergebnisses: „Alle, die sich länger schon mit dem Thema beschäftigen, haben damit gerechnet, es regelrecht gewusst – nur wollte man es uns zuvor nicht glauben.“ Der Rostocker Abgeordnete hatte das Thema bereits in seinem Europawahlkampf 2014 angeschnitten: „Mir ging es damals vor allem um die Interessen der Familien: Eltern und Kinder leiden zweimal jährlich unter dem Uhrendreh. Die Kleinen sind für Wochen nervös, unausgeschlafen, hibbelig – und bei den Eltern graben sich die Augenringe tiefer.“

 Ohne einen erkennbaren Mehrwert: „Alles, was immer ins Feld geführt wurde, ist haltlos: Weder profitiert die Wirtschaft, noch sinkt der Stromverbrauch.“ Im Gegenteil: „Mehr Verkehrsunfälle, höheres Herzinfarktrisiko, kranke Tiere – die wissenschaftlichen Erkenntnisse sprechen eine klare Sprache gegen den Zeitenwechsel“, so Gericke. Seit 2014 hat er deshalb die EU-Kommission mit mehreren offiziellen Parlamentarischen Anfragen vor sich „hergetrieben“ wie er sagt: „Die zuständige Kommissarin Violeta Bulc war schon ganz genervt, wenn sie mich wieder mit der großen Pappuhr im Plenum gesehen hat.“

 Seine Sturköpfigkeit aber wird nun belohnt: „Dass sich in Sachen Uhrendreh etwas bewegt, ist Verdienst und Erfolg der überparteilichen Arbeitsgruppe im Europaparlament und zahlreicher engagierter Bürgergruppen europaweit. Das war die Teamarbeit der Überzeugten“, sagt Gericke. Dass nun „viele Väter des Erfolgs sein wollen“, hält Gericke „für ein normales Phänomen in der Politik: Erst lachen sie dich aus. Wenn der Stein aber rollt, springen sie schnell fürs Pressefoto davor.“ Dabei sei die Debatte alles andere als einfach: „Die Zeit ist mehr als ein bürokratischer Paragraph – das verändert man nicht einfach mal leichtfertig. Das will wohl überlegt sein – auch, weil es wie kaum etwas anderes unser aller Alltag bestimmt.“

 Er selbst will „den sachlichen Tropfen stetig weiter auf den Stein geben“ – und dran bleiben. „Diese Umfrage kommt einer Europäischen Bürgerinitiative gleich“, eine alte Forderung Gerickes. Kommission und Rat kämen daran nicht mehr vorbei: „Die Bürger erwarten Lösungen – und zwar die, die ich als Bürgervertreter seit Jahren fordere.“ Problematisch sieht Gericke allenfalls den zweiten Teil der Abstimmungsfrage. Laut Medienberichten nämlich plädierte dort eine Mehrheit für die Abschaffung der Winterzeit: „Das geht eigentlich nicht. Winterzeit ist die Normalzeit – künstlich eingeführt haben wir den Dreh im Sommer.“ Zudem sei es schwierig, das Wirtschaft, Handwerk und den anderen Mitgliedsstaaten zu erklären: „In manchen Regionen würde es so noch viel später hell werden – das behindert. Ich weiß nicht, ob da die sonnige Spätschicht im Biergarten ein adäquates Gegenargument bildet – das Bier schmeckt dort doch auch, wenns dämmert.“

 Wie es auch sei: Gericke jedenfalls freut sich auf die nun folgenden Debatten im Europaparlament: „Es geht voran: Die Endzeit des Uhrendrehs ist eingeläutet. Und wir werden das feiern.“ 

 Foto: Glühender Gegner des jährlichen Uhrendrehs: Europaabgeordneter Arne Gericke sieht sich in seinem Tun bestätigt.  

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